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Vergiftete Sprache - Vergiftetes Denken

„Vergiftetes Denken“ und „Vergiftete Sprache“ und die Folgen - Aktueller, denn je?

In der Kreisvolkshochschule Norden fand eine Zeitreise statt, die aktueller ist denn je:

In Kooperation mit dem Präventionsrat der Stadt Norden, der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Aurich, der Polizeiinspektion Aurich-Wittmund und dem Verein Prävention Norden e. V. präsentierte die KVHS Aurich-Norden die Auftaktveranstaltung zu „Vergiftetes Denken“ und Vergiftete Sprache“. In einer szenischen Lesung gelangen zwei wohl bekannte Denker aus der Zeit der Weimarer Republik und dem NS-Staat in einen kontroversen und zwiespältigen Dialog: Der Leeraner Bernhard Bavink, ein aufrechter Nazi, und der jüdische Patriot Victor Klemperer - vorgetragen und interpretiert durch Wulf Espeloer als Bavink und Dr. Jörg W. Rademacher als Klemperer. Im Verlauf der Szenerie stellten sich die historischen Personen vor und trugen ihre Gedanken beziehungsweise Beobachtungen vor. Beide sind zwar Außenstehende ihrer Zeit, jedoch als Lehrer oder Hochschullehrer gewohnt, vor anderen zu sprechen und Meinungen zu prägen.

Moderator Wolfgang Kellner führte zuvor in das Thema ein und leitete nach der Lesung in einen offenen Austausch und Diskussion über, die schnell den Bezug zur Jetztzeit fand. Die Lage ist heute nur unwesentlich anders als zu Lebzeiten von Bavink und Klemperer. Es ist leichter möglich, Pseudowissenschaftler zu entlarven. Zugleich können diejenigen, die so argumentieren, über das Internet viele Menschen ganz direkt ansprechen und für ihre „Blase“ gewinnen.

In der Folge fand zum Thema „Vergiftete Sprache“ – nicht bei uns und nicht mit uns! ein moderierter Austausch mit Expert/-innen statt. Moderator Markus Saathoff-Reents von der KVHS Aurich-Norden begrüßte dann live Dr. Kerstin Weinbach und Siebo Janssen von der Partnerschaft für Demokratie, Heike Schröder von der Polizeiinspektion Aurich-Wittmund und aus der Politischen Bildung Timo Schneider für ein intensives Gespräch rund um „vergiftetes“ Denken und Reden in der heutigen Zeit, sowie die Folgen für unsere Gesellschaft.

Die Reihe wurde im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

Herr Saathoff-Reents konnte eine Vielzahl von Zuhörenden begrüßen, die sich im Anschluss an den Expert/-innen-Austausch mit diesen ausführlich austauschen konnten. Es fand eine regen und konstruktive Diskussion statt.

Eine Fortsetzung ähnlicher Veranstaltungen ist geplant.

Informationen zu den historischen Personen

Bernhard Bavink (1889-1947), aus Leer (Ostfriesland) stammend, macht dort auch Abitur, wird Lutheraner. Er studiert Naturwissenschaften, wird Lehrer in Bielefeld und nimmt nicht am Ersten Weltkrieg teil. Durch die Niederlage und die Einführung der parlamentarischen Demokratie sieht er sich deklassiert und beginnt, Schriften zu verfassen, die den Grundstock legen für „vergiftetes Denken und vergiftete Sprache“. In der NS-Zeit hoch angesehen, verkauft er viele Bücher, wird selbst nach dem Krieg geehrt: seine ehemalige Schule in Bielefeld und eine Straße in Leer werden nach ihm benannt. Da Bavink es unternahm, die „Rassentheorie“ pseudowissenschaftlich zu begründen, trug er zur Verbreitung der NS-Propaganda im Unterricht bei und wurde in seiner Rolle als „Vergifter“ der Sprache lange nicht erkannt.

Victor Klemperer (1881-1960), aus Landsberg an der Warthe, Sohn eines Rabbiners, jüngstes von vielen Kindern, konvertiert später zum Christentum. Er studiert, arbeitet als freier Autor und Journalist, heiratet eine Musikerin, promoviert und ist auf dem besten Weg, zu habilitieren, als der Krieg ihn an die französische Front holt. Später arbeitet er bei der Zensurbehörde, wird in der Weimarer Republik schließlich doch Professor und gerät ab 1933 ins Visier der NS-Machthaber. Des Amtes enthoben, mit Berufs- und Schreibverbot belegt, überlebt er wegen seiner Frau zuletzt im „Judenhaus“ von Dresden. Er schreibt Tagebücher, zuletzt lange heimlich, in denen er Sprache und Denken der NS-Zeit präzise analysiert. Schon 1947 erscheint in Leipzig sein Buch „LTI“, zu deutsch: „Die Sprache des Dritten Reiches“. Klemperer konnte seine Beobachtungen zunächst nur im Tagebuch oder ganz privat gegenüber Vertrauten äußern und wurde deshalb ebenfalls lange nicht als derjenige erkannt, der das Weiterwirken „giftiger Sprache“ am Objekt der damaligen Hauptströmung ganz genau protokolliert hatte.